Was ich (40+) von meiner Tochter (20+) über Frisur und Veränderung gelernt habe

Liliane mit Dutt und mit kurzem Bob

Fast zwanzig Jahre lang habe ich meine Haare gleich getragen: Schulterlang, warmer Braunton, guter und regelmäßiger Schnitt, glatt, zuverlässig. Oft zum Dutt gebunden, vorne gerne streng zurückgekämmt. Einfach praktisch und wie ich fand, immer elegant. Bis meine Tochter mich zum Nachdenken brachte.

Mit 25 war das halt genau mein Stil: Es stand mir, war zeitgemäß, ich bekam viele Komplimente. Es gab nie einen Grund die Frisur zu wechseln. Mit 40 war ich absolut daran gewöhnt und es vor allem praktisch.

Meine Frisur war Ich, sie passte zu meinem Büroalltag, zu meinem Kleidungsstil, zu meinem Bedürfnis von Kontrolle. Haare raus dem Gesicht, nichts, was stört. Eine Frisur, die im Beruf und im Haushalt gut funktioniert, feminin wirkt, ohne viel Aufwand und Aufmerksamkeit. Tendenz immer eher lang als kurz. Als junges Mädchen hatte ich natürlich wie viele andere recht lange Haare, die ich sehr liebte und pflegte. Die Schulterlangen sind ein Relikt an meine Jungmädchenzeit und durch sie fühlte ich mich immer noch ein bisschen wie damals mit 16.

Auch Freunde von früher sagten mir immer „Du siehst ja noch genauso aus wie damals!“. Ich wusste aber auch nicht so genau, ob das nun bestätigend oder verwundert klang.

Habe ich meinen Stil mit 16 gefunden?

„Warum bindest du sie eigentlich immer zusammen?“, fragte meine Tochter eines Morgens, während ich im Flur nach meiner Haarklammer suchte.

„Wieso? Weil es mir halt steht“, sagte ich automatisch. Sie musterte mich im Spiegel. „Oder weil es einfach ist?“

Dieser Satz brachte mich zum Nachdenken. Ich hatte meine Frisur irgendwann nicht mehr gewählt, sondern einfach nur behalten. Irgendwann hatte ich sie mal gewählt, ja. Aber meine Tochter dagegen: Mit Anfang 20 trägt sie Haare wie ein Statement. Sie probiert, färbt, schneidet radikal, lässt wachsen, verändert sich mit jeder Stimmung.

Sie diskutiert mit mir über ihre Styles und hat mit mir doch eigentlich keine richtige Ansprechpartnerin, obwohl ich ihre Looks gut und spannend finde und sie darin bestärke, immer wieder Neues auszuprobieren, wenn es ihr so viel Spaß macht, bleibe ich doch bei meinem alten Stil.

„Du könntest dein Gesicht ganz anders rahmen“, sagte sie dann. „Rahmen?“, darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Ja, Friseure hatten auch schon mehrfach versucht mir was Neues einzureden, aber das ist deren Job. Familie, Bekannte und Verwandte hatten noch nie etwas an meiner Frisur auszusetzen gehabt.

Ich winkte ab. Mit 40 fängt man doch nicht mehr an, sich neu zu erfinden, dachte ich. Man hat seinen Stil doch gefunden. Das ist doch der Vorteil des Älterwerdens: Man weiß, was funktioniert.

Oder?

Ein paar Tage später stand ich beim Friseur: Eigentlich wollte ich nur Spitzen schneiden lassen. Routinepflege. Während ich im Spiegel saß, hörte ich mich sagen: „Was würden Sie machen, wenn es nicht nur um Nachschneiden ging?“, hörte ich mich sagen und war selbst erstaunt. Meine Friseurin freute sich sichtlich. Das war ihr Moment!

Wir entschieden uns für einen präzisen, kinnlangen Bob. Kein dramatischer Schnitt. Kein absoluter „Neuanfang“. Aber deutlich genug, um nicht mehr als Zufall durchzugehen. Der Seitenscheitel wich einem mittigen. Die Länge fiel. Die Kontur wurde klarer.

Als die Haare trocken waren, erkannte ich mich nicht wirklich wieder: Mein Gesicht wirkte wie betont. Meine Wangenknochen deutlicher. Irgendwie wirkte ich wacher und neuer.

Zu Hause sagte meine Tochter nur trocken: „Siehst du.“ Kein Triumph. Kein „Hab ich doch gesagt“. Nur dieses kleine Lächeln, das sagt: Mama bleibt Mama, auch mit dieser Frisur und Veränderung ist nichts, wovor man sich schützen muss.

Was mich überrascht hat: Mit der neuen Frisur veränderte sich mehr als nur die Länge. Ich griff jetzt automatisch zu leichterem Make-up und anderen Kosmetikprodukten. Weniger Kontur, mehr Frische ins Gesicht. Ich trug meine Haare offen, ohne das Bedürfnis, sie sofort zu bändigen. Ich ließ Bewegung zu, statt sie zu kontrollieren. Ich kann den Schnitt auch gut variieren, mal strenger, mal lockerer frisiert und geföhnt.

Mir wurde klar, wie sehr mein alter Schnitt ein Symbol war: Für Ordnung, Struktur, „alles im Griff“. Nichts stört, nichts bringt mich Durcheinander und vor allem ein: „Ich hab mich und meinen Stil schon vor langer Zeit gefunden“ Vielleicht hatte ich „passt zu mir“ irgendwann mit „so bleibe ich“ verwechselt.

Meine Tochter sieht Mode noch ganz anders. Für sie ist Stil kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein Prozess. Sie probiert aus, verwirft, kombiniert neu. Manchmal finde ich es übertrieben und zu schnelllebig. Aber ich staune auch, wie wenig Angst sie vor Veränderung hat.

Mit 40 ist man nicht weniger neugierig, aber vorsichtiger was Trends angeht und natürlich weniger experimentierfreudig. Vor allem lassen einem Beruf und Familie nicht so viel Freiraum, klar.

Und doch weiß ich jetzt: Stil ist kein Denkmal, sondern auch Bewegung. Man darf justieren, schärfen, neue Form geben.

Es geht mir allerdings nicht darum jünger auszusehen, aber gerne frischer, erneuert, anders. Der Bob hat mich jetzt nicht zehn Jahre jünger gemacht, obwohl das andere sagen. Ich finde, er hat mich präsenter und fokussierter gemacht.

Ich werde meine Haare und mein Styling jetzt ganz bestimmt nicht jeden Monat neu erfinden. Ich brauche keine radikalen Brüche. Aber ich brauche auch keine Gewohnheiten mehr, die ich mit Identität verwechsle, das habe ich gelernt.

Manchmal sitzt da diese 23-Jährige am Küchentisch, sieht mich an und stellt eine einfache Frage, die ziemlich viel durcheinander bringt. Und plötzlich begreife ich: Man ist mit 40+ nicht fertig, als Mensch, als Frau, als Individuum.  Vor allem darf man sich weiter selbst überraschen. Ich bin gespannt, welche Frisur ich als nächstes ausprobieren werde.

 

Über Liliane Kayser 1 Artikel
Liliane ist 40 + – und entspannt. Sie weiß, was ein guter Schnitt kann, was Marketing verspricht und was ihre Haut wirklich braucht. Botox? Nicht ihr Thema. Qualität? Immer. Trends? Nur nach Prüfung. Zu Hause wartet eine Tochter Anfang 20, die alles anders sieht – und genau deshalb sind ihre Gespräche spannender als jede Trendprognose.

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