Warum ist Temu so billig – was soll damit erreicht werden?

Warum ist Temu so billig – was soll damit erreicht werden?

Temu wirkt auf den ersten Blick wie ein Rätsel: Preise, die wir nicht nachvollziehen können, Produkte, die oft völlig in Ordnung sind. Und ein Geschäftsmodell, das nicht zu dem passt, was wir über Handel gelernt haben. Wie kann sich das lohnen?

Temu ist nicht das erste Unternehmen, das Verluste in Kauf nimmt

Was Temu heute macht, ist nicht neu. Auch Amazon hat über Jahre:

  • kaum Gewinne gemacht
  • Preise gedrückt
  • Händler unterboten
  • Marktanteile priorisiert

Shopify wiederum:

  • wollte nicht selbst verkaufen
  • sondern Infrastruktur bereitstellen
  • damit andere über Shopify verkaufen

Alle drei verfolgen kein klassisches Handelsziel, sondern bauen Marktplätze. Der Unterschied liegt im Tempo – und in der Konsequenz.

Drei Modelle, ein Prinzip

Man kann es vereinfacht so lesen:

  • Amazon
    → kontrolliert den Marktplatz
    → Händler sind abhängig
    → Sichtbarkeit kostet Geld
  • Shopify
    → stellt Infrastruktur
    → Marken bleiben sichtbar
    → der Markt bleibt fragmentiert
  • Temu
    → überspringt Marken und Händler
    → verbindet Fabrik direkt mit Konsument
    → reduziert alles auf Preis & Verfügbarkeit

Amazon hat den Handel verändert. Temu fragt, ob man ihn überhaupt noch braucht.

Warum ist Temu so billig – was soll damit erreicht werden?

Warum Temu heute keinen Gewinn braucht

Temu verkauft Produkte teilweise ohne nennenswerte Marge. Diese Verluste sind kein Fehler – sie sind Strategie.

Das Ziel ist nicht der einzelne Verkauf, sondern:

  • Reichweite
  • Gewöhnung
  • Abhängigkeit

Amazon hat das jahrelang genauso gemacht. Der Unterschied: Temu geht globaler, schneller und kompromissloser vor.

Warum gleiche Produkte hier teurer sind – und das kein Widerspruch ist

Viele Artikel von Temu gibt es auch im europäischen Handel. Oft identisch. Gleiche Fabrik, gleiche Materialien. Der Preisunterschied entsteht nicht durch Qualität, sondern durch Verantwortung.

Der klassische Handel:

  • lagert Ware
  • kalkuliert Retouren
  • haftet rechtlich
  • zahlt Steuern
  • trägt Risiko

Temu:

  • verkauft direkt ab Fabrik
  • produziert extrem bedarfsorientiert
  • lagert kaum
  • externalisiert Risiken

Das Produkt ist gleich. Das System dahinter nicht.

Der eigentliche Wert liegt in den Daten

Temu sammelt keine Lagerbestände – sondern Informationen, aber keine privaten Userdaten, wie viele befürchten, sondern:

Jeder Klick zeigt:

  • was gekauft wird
  • zu welchem Preis
  • wie lange Trends leben

Produktion wird zur Reaktion. Was sich nicht verkauft, verschwindet sofort. Das ist effizient – und gnadenlos.

Der Gewinn kommt später – wie bei Amazon

Amazon verdient heute nicht am Verkauf,
sondern an:

  • Händlergebühren
  • Werbung
  • Logistik
  • Abhängigkeit

Temu folgt derselben Logik – nur radikaler. Sobald Alternativen geschwächt sind:

  • steigen Gebühren
  • verschiebt sich Sichtbarkeit
  • verändern sich Preise
  • müssen Händler froh sein, dabei sein zu dürfen

Temu zerstört den Markt nicht – es ersetzt ihn

Temu will kein Teil des bestehenden Handels sein. Es baut eine parallele Struktur:

  • ohne Händler
  • ohne Markenbindung
  • ohne mittleres Preissegment

Das ist aber keine Verschwörung – sondern Marktdynamik. Temu ist nicht billig, weil Kleidung plötzlich nichts mehr kostet.

Temu ist billig, weil der Preis nicht die ganze Geschichte erzählt.

Amazon hat den Handel bereits verändert. Temu zeigt, wie die nächste Stufe aussehen könnte.

Temu geht es um Marktmacht – aber ist das wirklich gefährlich?

Temu will nicht primär Gewinne pro Produkt, sondern Abhängigkeit erzeugen und den direkten Draht zwischen Fabrik und Konsument kontrollieren. Wer diese Plattform nutzt, gewöhnt sich an niedrige Preise und schnelle Verfügbarkeit.

Ob das „gefährlich“ ist, hängt vom Blickwinkel ab:

  • Kurzfristig für Konsument:innen: Temu ist praktisch, günstig, bequem – und viele sind damit zufrieden.
  • Für den Handel: Kleine und mittlere Anbieter haben es schwer, wenn Kund:innen ständig den günstigsten Preis erwarten. Zalando ist hier ein gutes Beispiel: Das Unternehmen hat den Markt jahrelang dominiert, mittlerweile schrumpfen oder verschwinden Teile des Geschäftsmodells.

Das heißt: Die Gefahr ist nicht direkt moralisch, sondern strukturell – Temu kann etablierte Anbieter unter Druck setzen, Märkte verändern und mittlere Preissegmente verschwinden lassen.

Temu ist nicht einzigartig – nur extrem gut umgesetzt

Das Modell selbst ist nicht neu. Alles begann mit AliExpress und ähnlichen Plattformen:

  • Hersteller aus China verkaufen direkt an Konsument:innen weltweit
  • Preise extrem niedrig
  • Versand subventioniert oder günstig

Der Unterschied zu Temu:

  • App-Design und Nutzererlebnis: Temu wirkt modern, ästhetisch ansprechend, übersichtlich. Das ist ein psychologischer Faktor, der die Gewöhnung an die Plattform beschleunigt.
  • Marketing und Positionierung: Temu nutzt aggressive Empfehlungen, personalisierte Angebote und einfache Kaufprozesse, die die Nutzung intuitiv und verlockend machen.

Alles, was Temu tut, könnte theoretisch kopiert werden. Die Technik ist da, Plattformen wie Shopify oder Amazon zeigen, dass es um Software, Logistik und Datenmanagement geht – nicht um ein geheimes Erfolgsrezept.

Warum ist Temu so billig – was soll damit erreicht werden?

Warum die App & UX den Unterschied macht

Viele Konsument:innen merken gar nicht, dass es „nur“ ein Direktvertriebssystem ist. Die Kombination aus:

  • übersichtlicher App
  • personalisierten Angeboten
  • günstigem Preis
  • schneller Lieferung

macht Temu so stark. Psychologisch wirkt das fast wie ein „Mini-Suchtmechanismus“ – die Kunden bestellen öfter, prüfen regelmäßig die Angebote, vergleichen kaum.

Das heißt: Die Plattform ist nicht einzigartig wegen des Produkts, sondern wegen der Art, wie sie Produkte präsentiert und kauferleben gestaltet.

UX (User Experience) entscheidet, ob eine Plattform Spaß macht und man immer wieder zurückkommt – und genau das macht Temu so stark, neben dem extrem niedrigen Preis.

Direkt vom Hersteller zum Kunden: grundsätzlich eine gute Idee

Rein theoretisch ist das Modell attraktiv:

  • weniger Zwischenhändler
  • niedrigere Preise
  • schnellere Reaktion auf Nachfrage
  • direkter Draht zwischen Produktion und Konsum

Viele nachhaltige Labels versuchen genau das. Auch europäische Marken verkaufen längst D2C (Direct to Consumer).

Das Prinzip ist also nicht das Problem.

Warum Temu trotzdem kein Vorbild ist

Der Unterschied liegt nicht im Modell, sondern in der Radikalität.

Temu verbindet Direktvertrieb mit:

  • extremem Preisdruck
  • Verzicht auf Puffer
  • Auslagerung von Risiko
  • globaler Skalierung ohne lokale Verantwortung

Das funktioniert nur, weil:

  • Arbeits-, Umwelt- und Haftungsstandards niedriger sind
  • Logistik subventioniert wird
  • rechtliche Grauzonen systematisch genutzt werden

Ein deutscher oder europäischer Anbieter kann das nicht 1:1 kopieren, ohne grundlegende Regeln auszuhebeln!

Warum wir das nicht einfach „nachbauen“ können

Theoretisch könnten wir vieles – praktisch nicht zu Temu-Preisen.

Was hier bei uns nicht wegfällt:

  • Mindestlöhne
  • Sozialabgaben
  • Produkthaftung
  • Gewährleistung
  • Umweltauflagen
  • Steuern

Das alles ist kein Ballast, sondern der Preis für ein funktionierendes System. Wenn wir Temu kopieren wollten, müssten wir genau das abschaffen – und damit die Grundlage unseres Marktes.

Onlinehandel allein reicht nicht

„Die meisten kaufen eh online“. Aber Online ist nicht gleich Online!

Ein funktionierender Markt braucht:

  • Rückgabesysteme
  • Kundensupport
  • Rechtssicherheit
  • Vertrauen

Temu funktioniert, weil:

  • Preise so niedrig sind, dass Ärger sich „nicht lohnt“
  • Reklamationen einkalkuliert sind
  • Austauschbarkeit akzeptiert wird

Das ist effizient – aber nicht stabil.

Warum der Mittelbau verschwindet

Das eigentliche Problem ist nicht der Direktvertrieb, sondern das Verschwinden der Mitte.

Wenn alles entweder:

  • extrem billig
  • oder extrem teuer ist

bleibt kein Raum mehr für:

  • faire Preise
  • langlebige Qualität
  • kleine und mittlere Anbieter

Ein Markt ohne Mitte ist anfällig – ökonomisch wie gesellschaftlich.

Was wir sehr wohl übernehmen könnten

Es gibt Elemente, die sinnvoll wären:

  • kürzere Lieferketten
  • bessere Nachfrageprognosen
  • weniger Überproduktion
  • direkteres Feedback

Aber:

Effizienz ohne Verantwortung ist kein Fortschritt. Das ist der entscheidende Satz. Es geht nicht darum, ob Direktvertrieb gut oder schlecht ist.

Sondern:

In welcher Art von Markt wollen wir leben –
einem, der maximal effizient ist,
oder einem, der auch tragen kann, wenn etwas schiefgeht?

Was wir tun können: bewusst einkaufen statt blind sparen

Die Wahrheit ist: Wer einmal bei Temu bestellt hat, weiß, wie leicht man sich daran gewöhnt. Das niedrige Preisniveau wirkt wie ein psychologischer Hebel, der uns immer wieder bestellen lässt – ähnlich einer kleinen Sucht. Alles ist verfügbar, günstig und schnell. Und genau das ist das Prinzip: Konsument:innen an das System zu gewöhnen, statt an Marken oder Qualität zu binden.

Für einzelne Käufer:innen gibt es aber durchaus Wege, dem entgegenzuwirken – ohne auf Spaß oder Online-Shopping zu verzichten:

  1. Bewusst vergleichen: Nicht automatisch dort bestellen, wo es am billigsten ist. Preise allein sagen nicht alles – Qualität, Langlebigkeit, Rückgabemöglichkeiten und Arbeitsbedingungen zählen ebenfalls.
  2. Alternative Plattformen nutzen: eBay, lokale Shops, Second-Hand oder kleine Online-Boutiquen bieten oft die gleichen Produkte oder ähnliche Stücke – manchmal sogar mit interessanteren Designs oder längerer Haltbarkeit. Wer dort bewusst kauft, unterstützt gleichzeitig Händler, die Verantwortung übernehmen.
  3. Individuelle Produkte statt Allerweltsware: Massengefertigte Kleidung und Billigprodukte sind austauschbar und kurzlebig. Ein Stück zu wählen, das einzigartig oder nachhaltig ist, lohnt sich nicht nur für die Umwelt, sondern auch emotional – man trägt es länger, liebt es eher, repariert es vielleicht.

Kurz gesagt: Es geht nicht darum, nie mehr günstig zu kaufen, sondern darum, das System hinter dem niedrigen Preis zu verstehen und bewusst zu entscheiden, wann man sich der Versuchung hingibt und wann man alternative Wege geht.

Was ist mit Action, Tedi oder Kodi?

Viele Produkte dort kommen ebenfalls aus China und sind extrem günstig. Das Prinzip ist vergleichbar:

  • Große Mengen werden billig produziert
  • Lagerung, Logistik und Standards sind auf Kostenoptimierung ausgerichtet
  • Qualität ist oft auf den Moment zugeschnitten

Der Unterschied zu Temu ist subtil, aber entscheidend:

  • Die Billigshops verkaufen in der Regel stationär, was ein Mindestmaß an Kontrolle, Verantwortung und Rückgabemöglichkeiten bietet.
  • Temu setzt auf direkten, globalen Versand, der Risiken und Kosten größtenteils auf Konsument:innen auslagert.

Kurz gesagt: Beides ist billig – aber Temu macht es radikaler, globaler und schneller, mit dem Ziel, Gewohnheiten zu formen und die Preiswahrnehmung zu verändern.

Temu hat Vorteile: Kapital, Daten und Psychologie

Temu kann sich so stark am Markt positionieren, weil:

  • sie riesiges Kapital einsetzen können, um kurzfristig Verluste hinzunehmen
  • sie eine riesige Datenbasis haben, um Kaufverhalten, Trends und Preisgrenzen genau zu kennen
  • sie psychologisch clever arbeiten, über App-Design und Personalisierung Kunden an die Plattform binden

Das alles macht Temu in der Startphase sehr schwer kopierbar, vor allem für kleinere Anbieter.

Risiken: Kopieffekte und Sättigung

Aber die Risiken sind real:

  • Kopieffekte: Andere Plattformen (AliExpress, Amazon, lokale Händler) können Funktionen, App-Design, Lieferstrategien und Preisstrukturen nachmachen. Wenn das geschieht, wird Temus „Vorsprung“ kleiner.
  • Sättigung der Kunden: Die niedrigen Preise wirken wie ein psychologischer Hebel – aber irgendwann gewöhnt man sich daran, und Kunden erwarten dauerhaft diese Preise. Das bindet Margen, selbst wenn man Marktmacht hat.
  • Regulierung & Marktbeschränkungen: Wenn Staaten Mindeststandards, Zölle, Steuern oder Umweltauflagen verschärfen, wird das radikale Preismodell schwer zu halten.

Kann Temu sich selbst ein Bein stellen?

Ja, wenn:

  • die Plattform zu sehr auf niedrige Preise setzt und nie profitabel wird
  • die Logistik oder Qualität unter der Masse leidet und Kunden abspringen
  • andere, besser gemachte Plattformen UX und Preis kombinieren, um Kunden wegzuziehen

Temu ist also sehr mächtig, aber nicht unverwundbar.

Langfristige Perspektive

Temu wird wahrscheinlich nicht plötzlich „pleite gehen“, sondern eher evolutionär reagieren müssen:

  • Preise anpassen, sobald Kunden gewöhnt sind
  • Marktanteile gegen Nachahmer verteidigen
  • Regulierung und Standards berücksichtigen

Kurz gesagt: Temu kann Marktanteile gewinnen und Strukturen verändern – aber das Modell ist nicht automatisch unbesiegbar.

Nochmal: Warum Temu so verführerisch wirkt

Temu ist nicht nur billig – es fühlt sich besser an. Die App ist ästhetisch gestaltet, übersichtlich, klar strukturiert und vermittelt fast ein Gefühl von Luxus. Die Produktbilder sind groß, hell und ansprechend; man hat das Gefühl, dass jedes Teil sorgfältig präsentiert wird. Im Vergleich zu Amazon oder Otto wirkt die Oberfläche moderner und aufgeräumter, fast wie eine digitale Boutique.

Dazu kommen spielerische Elemente: Rabatte, Punkteaktionen und kleine Mini-Spiele, die das Stöbern belohnen, schaffen ein spielerisches Einkaufserlebnis, das besonders jüngere Nutzer:innen anspricht. Die Sprache ist locker, jugendlich, die Empfehlungen persönlich – all das erzeugt eine angenehme, fast süchtig machende Nutzererfahrung.

Kurz gesagt: Temu verkauft nicht nur Produkte, sondern ein Erlebnis, das Preis, Design und Unterhaltung clever verbindet – und genau deshalb bestellen viele Kund:innen immer wieder, selbst wenn sie ähnliche Produkte anderswo günstiger oder nachhaltiger bekommen könnten.

Zusammenfassung: Was wir über Temu wissen sollten

  1. Marktmacht vor Gewinn: Temu zielt nicht primär auf Profit pro Produkt, sondern auf den Aufbau von Marktmacht. Wer die Plattform kontrolliert, kontrolliert die Art, wie wir einkaufen.
  2. Keine Verschwörung: Es geht nicht darum, Daten politisch auszuwerten oder andere Länder absichtlich kaputtzumachen. Temu folgt wirtschaftlichen Prinzipien und nutzt psychologische Mechanismen, um Kund:innen zu binden.
  3. Verführerisches Einkaufserlebnis: Temu wirkt attraktiv, weil die App schön und übersichtlich gestaltet ist, die Produktpräsentation ansprechend ist, viele praktische Haushaltsartikel verfügbar sind und – nicht zuletzt – alles extrem günstig ist. Spiele, Rabatte und personalisierte Empfehlungen verstärken den Reiz zusätzlich.
  4. Ersatz möglich: Das Modell von Temu kann jederzeit kopiert oder nachgebaut werden. Die Plattform ist nicht unbesiegbar, andere Anbieter können ähnliche Konzepte anbieten – und Kunden haben die Wahl.
  5. Bewusster Konsum statt kompletter Verzicht: Man muss Temu nicht völlig abschalten. Wer sich der Mechanismen bewusst ist, kann seinen Konsum steuern, gelegentlich woanders kaufen und bewusster entscheiden, wann und wie man dort bestellt.

 

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