Eigentlich dachte ich, ich hätte meine Garderobe im Griff. Ein gut sitzender Blazer gehört für mich im Büro zur Grundausstattung wie der Espresso am Morgen. Er ist meine Rüstung, mein „Ich-bin-bereit“-Kleidungsstück. Doch dann kam Bella um die Ecke (meine süße, aber freche Tochter, Anfang 20).
Bella stand neulich in der Tür, gehüllt in einen Blazerl, der locker drei Nummern zu groß wirkte. Die Schultern hingen irgendwo an ihren Oberarmen und die Ärmel schluckten ihre Hände komplett. Mein erster Reflex: „Schatz, hast du das aus der Altkleidersammlung gerettet?“ Bellas prompte Antwort, begleitet von einem mitleidigen Lächeln: „Mama, das ist ‚Oversize‘, das muss so. Das ist ‚effortless‘ – als hätte ich mir einfach irgendwas übergeworfen.“
Ich dagegen sah nur ein Stoffgebirge und fragte mich, wo eigentlich meine Tochter geblieben ist. Aber wie das so ist: Der Gedanke ließ mich nicht los. Kann man mit über 40 diesen „zu groß“-Look tragen, ohne auszusehen, als hätte man im Dunkeln den Schrank des Ehemanns geplündert? Naja… und muss man überhaupt? Da ich Trends aber aufgeschlossen bin und nicht aussehen will wie vor 20 Jahren stehen geblieben, überlege ich mir sowas genau, bevor ich das ablehne.
Meine Perspektive: Struktur schlägt Sackgasse
Ich liebe Qualität und eine klare Silhouette. Ein Blazer soll im Kundentermin Souveränität ausstrahlen. Dennoch: Mode soll Spaß machen und nicht im Gestern stehen bleiben. Also habe ich mich an das Experiment gewagt – allerdings mit meinen eigenen Regeln.
Mein Qualitäts-Check: Wenn ihr Oversize kauft, achtet auf das Material. Billige Synthetik-Stoffe stehen bei weiten Schnitten oft steif ab oder knicken unschön ein. Ich habe mich für ein Vintage-Herrenmodell aus schwerer Schurwolle entschieden, das ich Second-Hand ergattert habe. Der Stoff fällt weich und edel, was den „Schluffi-Look“ sofort in Richtung „High Fashion“ verschiebt.
Beim ersten gemeinsamen Styling-Versuch vor dem Spiegel ging es hoch her:
Bella: „Mama, du musst die Ärmel doch hochschoppen! Wenn die Manschetten ordentlich zugeknöpft sind, wirkt das viel zu brav.“
Ich: „Bella, wenn ich die Ärmel so hochschiebe, sieht es aus, als wollte ich gleich den Abwasch machen!“
Bella: „Nein, es zeigt die Handgelenke. Das bricht die Masse an Stoff. Vertrau mir!“
Und wisst ihr was? Sie hatte recht. Sobald man die schmalsten Stellen des Körpers (Handgelenke, Knöchel) betont, verliert der weite Schnitt seine Schwere.
So trage ich den XXL-Blazer im Büro
Damit der Look für mich funktioniert, halte ich mich an die Proportionen-Regel:
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Gegensätze ziehen sich an: Wenn der Blazer weit ist, muss die Hose schmal sein. Ich kombiniere ihn am liebsten mit einer schmalen Zigarettenhose oder einer dunklen Slim-Fit-Jeans.
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Schuhwerk entscheidet: Um den Look feminin zu halten, trage ich spitze Ballerinas oder Loafers dazu. Sneaker überlasse ich Bella – das wirkt bei mir dann doch schnell nach „Wochenendeinkauf“.
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Drunter wird’s schlicht: Ein einfaches weißes T-Shirt oder ein schmaler Rollkragenpullover nehmen dem Outfit die Aufregung.
Also…
Man muss nicht jeden Trend eins zu eins mitmachen, aber man darf sich von der jüngeren Generation inspirieren lassen. Der Oversize-Blazer hat meinem Business-Look eine Frische gegeben, die ich so gar nicht erwartet hätte. Er ist bequem, verzeiht auch mal ein üppiges Mittagessen und sieht dabei – wenn man ihn richtig bändigt – extrem modern aus.
Wie steht ihr zu XXL-Schnitten? Seid ihr Team „Schmal & Strukturiert“ wie mein altes Ich, oder habt ihr euch von der Generation Bella schon anstecken lassen? Schreibt es mir in die Kommentare – Bella und ich sind schon sehr gespannt auf eure Ansichten!
Stilvolle Grüße (und ein skeptischer Blick Richtung Bellas Kleiderschrank),
Eure Liliane
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